„Damals“ ist ja für jeden wann anders. Für mich sind es die 90iger Jahre. Wie war es denn eigentlich in den 90er Jahren Diabetes zu bekommen? Als es noch keine CGM- und AID-Systeme für Kinder gab – und Eltern gab. Wie sahen die Schulungen und Vorbereitungen auf den Alltag mit Diabetes aus?
Back to the 90’s

Neulich habe ich meine alten Diabetes-Sachen wieder gefunden. Darunter befand sich mein erster Diabetesausweis und die Unterlagen meiner Diagnose. Ich weiß noch, das ich damals unbedingt zunehmen wollte, aber nichts geholfen hat.
Dann habe ich noch einen Haufen alter Spritzen gefunden und sogar noch älteres Zeug von meinem Bruder, der seine Diagnose in den 80ern bekam.
Nach dem ich ein paar Tage einen Direktzugang zu Insulin gelegt bekommen habe, musste ich lernen mich selbst zu spritzen. Eigentlich wollte die Krankenschwester die erste Spritze setzen, aber ich wusste, das mein Bruder seine erste Spritze selbst setzen musste, also wollte ich das auch: „nein, ich möchte das selber machen!“ „Soll es vielleicht deine Mama machen?“ „Nein, ich möchte es machen.“ Ok. Na Gut. Das Ganze sah dann so aus:

Gute Schulungen sind das A und O
Nach der Diagnose war ich fast vier Wochen stationär im Mindener-Kinderkrankenhaus. Auch meine Mutter blieb 2-3 Wochen um ihr altes Wissen über Diabetes aufzufrischen.
Wir Diabetiker hatten auf Station unsere eigene Küche, zu der wir jeder Zeit freien Zugang hatten. Dort hatte jeder sein Fach im Kühlschrank, seine Obstschale usw. Der Ess-Spritzplan hing dort auch. So konnte jeder dort sein Essen abwiegen, alles kontrollieren und die Selbstständigkeit üben. Die ersten Male war natürlich immer ein Arzt oder eine Schwester dabei. Bei der morgendlichen Visite wurde dann zusammen mit dem Arzt geguckt, was man so gegessen und gespritzt hatte und ob alles geklappt hat und gut gegangen ist. Natürlich konnte man auch jeder Zeit eine Schwester fragen. Und beim Spritzen war meistens auch noch jemand dabei.
Schulunterricht im Krankenhaus
Vormittags hatten wir ein paar Stunden Schule, wo jeder die Aufgaben aus seiner Schule nacharbeitete. Es gab eine Lehrerin, die mit mir alles durcharbeitete, was ich in der Schule verpasste. Dafür brachte mir meine Schulkameraden meine Hausaufgaben vorbei. Nachmittags gab es dann immer Diabetes-Schulungen, Koch-Schulungen und auch Ausflüge, so dass man auch als Kind schon wusste, was im Körper überhaupt passierte, wie man das Essen berechnet und auch, wie man im Alltag damit umgeht.
Als ich dann aus dem Krankenhaus entlassen wurde, kam mir die Zeit zwar ewig vor, aber ich war weder total verunsichert noch habe ich mich alleine oder unvorbereitet gefühlt.
Heutzutage…
Wenn ich heute lesen, wie Leute mit ihrer Diagnose alleine gelassen werden, ist das für mich immer total unverständlich.
Jeder sollte so gut vorberietet werden. Ich weiß gar nicht, wie man es sonst lernen soll und dass man es lernen muss ist ja wohl gar keine Frage!
Zu guter Letzt habe ich noch ein altes Testgerät von meinem Bruder gefunden. Es stammt aus den späten 80ern/ frühen 90iger Jahren. Es benötigte ziemlich viel Blut, welches dann nach ca. 1 Minute wieder vom Teststreifen abgewischt wurde. Dann steckte man den Teststreifen in das Gerät und musste nochmal 2 Minuten warten.


Liebe Lisa
Beim lesen deines Beitrags komm ich mir wie ein Fossil vor
Typ I seit 1972, damals heiß 4
Ich durfte ohne Eltern für 2 Monate im Spital bleiben, bekam Insulin mit Spritzen aus Metall und Glas, die vor jeder Injektion in einem kleinen Kochtopf (Autoklav) erhitzt wurden
Zu Hause gab es 3 Mahlzeiten, immer das gleiche Essen um ja keine Zuckerschwankung zu haben.
Blutzuckermessen war nur im Spital im Labor 1x im Monat
Meine Eltern besorgten um horrendes Geld aus Deutschland (bin aus A) Teststreifen auf einer Rolle für den Harn. Die waren gelb und verfärbten sich grün wenn Zucker im harn war (Nierenschwelle so 180)
Die damals leitende Ambulanzschwester (geistliche Schwester um die 60) sagte damals „am besten immer schauen daß der Streifen grün ist, dann kann nichts passieren.
Und noch eine kleine Story zur medizinischen Entwicklung : 1976 sagte der Präsident der österr. Diabetesgesellschaft auf einer Fortbildung, daß die Entwicklung eines Blutzuckersensors beinahe fertig sei und in 2-3 Jahren jeder Diabetiker so was hätte (also 1980)
Ich habe viele Weisheiten bei Ärzten kommen und gehen gesehen, leider auch einige Typ I Kollegen die übereifrig Ihren HbA1c unter 4,5 gebracht hatten und nach wenigen Jahren erblindeten, mehrere die sich für eine Pancreas/Nierentransplantation meldeten und nach wenigen Jahren zwar den Diabetes im Griff aber alle anderen mit der Immunsupression verbundenen Komplikationen hatten. Einige habens leider auch nicht geschafft.
Weil mir diese ständigen Wechsel der Lehrmeinung so auf den Wecker gingen habe ich beschlossen es besser zu machen, naja bin halt jetzt auch Arzt, aber kein Diabetologe.
nach 46 Jahren kann ich nur sagen: seid so gleichmäßig wie möglich und rennt nicht jedem Blutwert nach um jeden Preis
Alles Gute