Dieser Text fiel mir besonders schwer. Ich fühle mich echt schlecht, wie ich über Menschen schreibe, die mir so unheimlich viel bedeuten und deswegen sollte dieser Text eigentlich in den Tiefen meines PC’s versinken. Mir das ganze von der Seele schreiben, ja. Veröffentlichen? Nein, lieber nicht. Aber letztendlich gehören auch diese Gedanken zu einem Leben mit Diabetes. Und es ist ja auch nicht böse gemeint. Weder von mir, noch von den Menschen, über die ich hier schreibe. Vielleicht kennt der ein oder andere solche Situation und fühlt sich genau so zwiegespalten wie ich?
Lisa, der Heimatmensch
Meine Familie ist für mich das absolut Wichtigste. Deswegen kann ich mir nicht wirklich vorstellen, woanders als in meiner Heimat sesshaft zu werden. Zum Studieren musste ich aber trotzdem ein paar Jahre raus. Auch, um mir selbst zu beweisen, dass ich alleine zurecht komme.
Als ich nun zwei Wochen zu Hause war, um mich ein bisschen um meine Großeltern zu kümmern, weil meine Eltern im Urlaub waren, war das für mich selbst eher Urlaub. Zumal das Wetter auch noch spitze war und ich dort mal ganz herunterkommen und meine Werte in den Griff bekommen konnte.
Das hatte ich einfach bitter nötig.
Unterzuckerungen und die Angst vor Unterzuckerungen setzte mir in der letzten Zeit ganz schön zu.
Meine Großeltern, so wunderbar wie sie sind, können manchmal ein klein wenig anstrengend sein und das meine ich in keinerlei Weise böse. Die Merkwürdigkeiten, die man sich so im Altern angewöhnt sind meistens wirklich niedlich und sind wir mal ehrlich: Wer weiß, was wir alles so anstellen werden, wenn wir alt sind?
So fangen meine Großmütter in letzter Zeit gerne an zu jammern. Im Alter sieht nicht alles immer rosig aus, das ist mir schon bewusst, aber für mich ist es schwierig, wenn das Jammern den großen Hauptteil einer Unterhaltung ausmacht. Das mich das so stört, liegt wohl auch an meiner Natur. Jammern mochte ich noch nie.
Ich weiß nicht wie ich reagieren soll

Dadurch, dass mein großer Bruder bereits mit acht Jahren Typ 1 Diabetes bekam, haben meine Großeltern eine über 30 jährige Diabetes Erfahrung. Und wir waren als Kinder oft bei unseren Großeltern, auch nach den Diagnosen.
Gerade deswegen wundere ich mich oft über Sprüche, die meine Oma so heraushaut. Typ 1 Diabetes ist schon lange in der Familie meiner Mutter bekannt und spielte fast in jeder zweiten Generation eine Rolle. Meine Oma blieb verschont, aber ihre Cousine hatte ebenfalls Diabetes. Grausige Geschichten aus dem zweiten Weltkrieg prägen da meine schlimmsten Erinnerungen.
Auch meine Mama blieb vorerst verschont Erst mit 60 Jahren entwickelt sich bei ihr ein Typ LADA (Latent Autoimmune Diabetes in Adults).
Meine Oma macht sich regelmäßig Vorwürfe und sagt oft, dass es ihr Leid tut, dass sie uns diese Krankheit vererbt hat, obwohl sie selbst gesund ist. Ich bin dann oft sprachlos. Weiß nicht genau, wie ich damit umgehen soll.
Ja, eine Veranlagung begünstigt Diabetes, aber von solchen Schuldzuweisungen halte ich gar nichts. Mein zweiter Bruder war vollkommen gesund. Dass wir zwei, von drei Kindern, Diabetes bekommen haben ist – nun ja, blöd gelaufen. Es hätte uns aber auch ohne diese Vorgeschichte treffen können.
Resistent gegen Aufklärung

Nach all den Jahren bin ich einfach dabei geblieben, sie zu beruhigen und ihr zu vergewissern, dass es mir gut geht und das ich gut damit leben kann.
Dieses permanente jammern macht es ja auch nicht besser oder ändert irgendwas an unserer Situation, richtig? Einfach das Beste daraus machen, ist da mein Motto. Haben wir eine andere Wahl?
Noch schwieriger wird es für mich, wenn Sätze wie „Mein Zucker ist noch gut. Ich bin gerade an der Grenze, brauche aber zum Glück noch nichts einnehmen. Und du hast es schon so jung bekommen“ fallen.
Meine Oma ist mittlerweile über 90, aber noch recht fit. Solche Aussagen treiben mich dann oft in den Wahnsinn.
Ich habe ihr jahrelang versucht den Unterschied zwischen Typ 1 und Typ 2 Diabetes zu erklären. Anscheinend erfolglos.
Als ich noch ein Kind (mit Diabetes) war, gab es bei ihr immer Kekse und Literweise selbst gemachten Holundersaft. Manchmal frage ich mich, ob sie es einfach vergessen hat, wenn sie mir lieber Geld in die Hand drückt und sagt: „Süßes darfst du ja nicht.“
Schlecht eingestellter Typ 2 vs. schnell entdeckter Typ 1

Mein Onkel mütterlicherseits hat Typ 2 Diabetes und er kommt nicht gut damit zurecht. Er viele Probleme und auch einige heftige Komplikationen. Meiner Oma macht das Angst. Deswegen fragt sie mich ständig, ob ich mich wenigstens an alles halten würde, denn sie sehe ja wohin das bei meinem Onkel führt.
Da würde ich dann am liebsten im Dreieck springen.
Selbstverständlich habe auch ich etwas Angst, wenn ich meinen Onkel sehe, der mittlerweile im Rollstuhl sitzt. Aber ich weiß ich auch, dass das eigentlich nichts mit meiner Erkrankung zu tun hat. Auch wenn ich meinen Diabetes selbst viele Jahre stark vernachlässigt habe, führe ich einen ganz anderen Lebensstil als mein Onkel.
Ich weiß, dass ich verdammtes Glück gehabt habe und sehr glimpflich aus meiner Trotzphase herausgekommen bin. Mich mit seinem Schicksal vergleichen zu wollen löst seltsame Gefühle in mir aus. Leider keine positiven.
Nennt mich vielleicht ignorant, aber wenn mein Onkel zu mir sagt: „Wie geht es denn dir mit deinem Zucker? Du musst regelmäßig zum Arzt, siehst ja wohin es führt.“
Dann sage ich mittlerweile gar nichts mehr.
Klar, das erste Mal war ich perplex und habe versucht nicht nur mich, sondern auch meinen Diabetes zu erklären. Geändert hat sich nichts. Bei jedem Besuch die selben Aussagen. Als würde mir niemand zuhören. Als wolle man es nicht verstehen. Wie soll man dann noch reagieren, ohne jemanden zu verletzen? Da bin ich von Zeit zu Zeit zu emotional, um sachlich zu bleiben. Bevor mir etwas herausrutscht, was ich gar nicht sagen will, gehe ich lieber.
Es ist schwierig. Ich liebe meine Familie und es tut mir in der Seele weh, wenn ich sehe, was einige von ihnen durchmachen müssen. Aber ich bin einfach kein Fan davon 24 Stunden am Tag zu jammern. Manchmal habe ich keine wirkliche Freude daran meine Oma zu besuchen, denn für positive Gedanken ist dort meistens kein Raum.
Weil das Leben schön ist!

Ich würde einfach mal behaupten, dass mein Leben auch nicht immer das leichteste war, aber egal, was passiert ist, war es für mich immer wichtig meine positiven Gedanken und meine Lebensfreude zu behalten.
Natürlich weiß ich nicht, wie es um meinen Lebenswillen stehen würde, wenn ich im Rollstuhl sitzen würde, aber durch permanente Schwarzmalerei macht man es doch nur noch schlimmer, oder? Und das Leben hat meiner Meinung nach immer etwas Schönes zu bieten, auch wenn man in gewissen Zeiten etwas danach suchen muss. Auch in habe absolute Down-Phasen, das ist ganz normal. Aber man sollte sich die Hoffnung auf bessere Zeiten und seine Freude darüber, hier sein zu dürfen, behalten.
Nach diesen zwei Wochen zu Hause habe ich mich wirklich etwas geärgert. Normalerweise bin ich nicht der Typ, der sich schnell darüber aufregt, wenn ein unbedachter Spruch über Diabetes geäußert wird. In der Regel sehe ich es als nette Chance Aufklärung zu leisten. Das sich jemand nicht mit Diabetes auskennt, weil er nie damit konfrontiert wurde, ist absolut verständlich. Von Krebs oder anderen chronischen Krankheiten habe ich auch null Ahnung. Aber wie gesagt: nach 20 Jahren Aufklärung und den immer gleichen Sprüchen habe ich resigniert.

Liebe Lisa,
du sprichst mir aus der Seele. Genau das, was du beschreibt kenne ich nur zu gut. Meine Oma hat wie ich ebenfalls Typ 1 (liegt bei uns ebenfalls in der Familie), was ja eigentlich „ganz nett“ ist, weil man jemanden hat, der einen versteht… Aber mit zunehmenden Alter fällt mir diese Kommunikation immer immer schwerer (nicht, dass man es mit jemand jungen, der in der selben Diabeteswelt lebt wie man selbst vergleichen könnte…). Es gibt mehr Missverständnisse und ihre Kommentare (meist negativer Natur) verletzen mich teilweise stark, ohne dass sie das beabsichtigt. Sei es, „dass ich ja nicht so oft messe wie erzählt“ (als würde sie mich beobachten…? Sie misst selbst viel zu wenig und hat eine Hypowahrnehmungsstärung), oder, „wie denn mein Wert sei“ -> Wenn zu hoch, dann kommt sinnmäßig etwas wie: tja, doch nicht so ne tolle Einstellung wie gedacht…
Mir fällt es schwer damit umzugehen, und ich weiß, dass meine Oma das natürlich nicht verletzend meint, doch das ist es.
Irgendwie ist immer alles so negativ in ihren Augen, und sie gibt sich natürlich auch die Schuld daran, dass ich ebenfalls seit frühster Kindheit DM habe.
Was ich dir damit sagen will ist, dass du damit defenitiv nicht alleine bist!!! Ich (und ich denke viele andere auch) kennen das Problem. Kommentare von unwissenden Bekannten wie „Musst du dich immer noch spritzen?“ und „Sone Sch*** Krankheit“ machen die Familientreffen nicht gerade angenehmer…;)
Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie ich damit umgehen soll. Ich versuche oft, meiner Oma dann meine „neusten“ Technikerrungenschaften, wie das FSL und wie es funktioniert, zu erklären, was mich aus dieser Situation herausholt. Manchmal werde ich aber auch zu meinem eigenen Ärger patzig oder wütend. Das lässt sich einfach nicht vermeiden, weil ich auch von der Persönlichkeit her zwar tempermentvoll, aber auch sehr sensibel bin… Was vielleicht der Grund ist, warum mich solche Kommentare doch verletzen können.
Ich denke, mit zunehmenden Alter meiner Oma werden diese Diabetesgespräche einfach auch von meiner Seite weniger und abgekürzter, weil einfach keine altersgerechte Kommunikation über das Thema möglich ist.
Deshalb ist mir der Austausch mit ähnl. jungen Menschen wichtig, weil da kann man sich dann auch mal über soetwas unterhalten…:)
Es tut mir leid, wenn ich dir nicht wirklich weiterhelfen konnte, aber vielleicht hilft es die ja zu hören, dass du damit nicht alleine bist. Und mich erleichtert es im Übrigen ungemein, dass du diesen Blog online gestellt hast, weil auch ich mich so nicht mehr ganz allein vorkomme.
In diesem Sinne Liebe Grüße
Johanna
Wenn solche Äußerungen – insbesondere von Verwandten- einem zusetzen, so sollte man dies sofort ansprechen…
In solchen Momenten reagiere ich wie folgt:
„Bitte unterlasse dies. Es bringt mir ehrlich gesagt überhaupt nichts. Die schlimmen Zeiten habe ich ohne jegliche Schäden überstanden. Und ich will einfach nur meine jahrzehntelang, erkämpfte Freiheit nur genießen. Nachdem die USA nun kürzlich die künstliche Bauchspeicheldrüse fertiggestellt haben, wird sich mein Leben nochmal um 180 Grad wenden. Wer hätte dies jemals gedacht…“
Und nur weil man Diabetes hat, muss man nicht unbedingt Folgeerkrankungen bekommen.